Stand: November 2026. Quellen geprüft am 2. November 2026.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Studienlage ist schwach. Eine Cochrane-Übersicht von 2026 fand für Präparate mit THC und CBD zu gleichen Teilen einen kleinen Vorteil gegenüber Placebo, den die Forschenden für klinisch nicht bedeutsam halten.[1]
  • Die üblichen Mittel gegen Nervenschmerzen helfen weniger als der Hälfte der Betroffenen deutlich. Deshalb wird Cannabis als Ausweichmöglichkeit diskutiert.[2]
  • Präparate mit viel THC verursachen deutlich mehr Nebenwirkungen am Nervensystem, etwa Schwindel. Für ältere Menschen erhöht das die Sturzgefahr.[3]
  • Die Deutsche Schmerzgesellschaft sieht Cannabis bei Nervenschmerzen als Möglichkeit der dritten Wahl, wenn andere Behandlungen nicht ausreichen.[2]
Älterer Mann sitzt morgens auf der Bettkante und hält seinen Fuß.

Was sind neuropathische Schmerzen im Alter?

Neuropathische Schmerzen, auch Nervenschmerzen genannt, entstehen durch eine Schädigung der Nerven selbst. Typische Ursachen sind Nervenschäden durch Diabetes oder Alkohol, Schmerzen nach einer Gürtelrose und Verletzungen von Nerven. Betroffene beschreiben die Schmerzen oft als brennend oder stechend. Je nach Studie sind 7 bis 10 Prozent der Bevölkerung betroffen.[2]

Die Behandlung ist schwierig. Weniger als die Hälfte der Betroffenen erreicht mit den empfohlenen Mitteln wie Pregabalin, Gabapentin, Duloxetin oder Amitriptylin eine deutliche Linderung. Auch wenn die Ursache gut behandelt wird, etwa der Blutzucker bei Diabetes, bleiben die Schmerzen oft bestehen.[2]

Für ältere Menschen kommt ein weiteres Problem hinzu. Mittel gegen Krampfanfälle und Mittel gegen Depressionen, die auch gegen Nervenschmerzen eingesetzt werden, können das Sturzrisiko erhöhen. Die amerikanische Fachgesellschaft für Altersmedizin führt sie deshalb auf ihrer Liste von Medikamenten, die bei Älteren besondere Vorsicht erfordern.[4]

Hände mit Pulswärmern umfassen eine warme Tasse am Holztisch.

Was sagen Studien zu Cannabis bei neuropathischen Schmerzen?

Die wichtigste Quelle ist eine Cochrane-Übersicht, die im Januar 2026 aktualisiert wurde. Cochrane-Übersichten gelten als besonders sorgfältige Zusammenfassungen der Forschung. Diese wertete 21 kontrollierte Studien mit 2.187 Erwachsenen aus. Die Studien dauerten zwischen 2 und 26 Wochen.[1]

Präparate mit THC und CBD zu etwa gleichen Teilen schnitten etwas besser ab als ein Scheinmedikament (Placebo). Rund 7 von 100 Behandelten mehr erreichten eine Schmerzlinderung um mindestens 30 Prozent. Die Forschenden bewerten die Vertrauenswürdigkeit als niedrig und halten den Unterschied für klinisch nicht bedeutsam.[1]

Für Präparate mit überwiegend THC, etwa Dronabinol, fand die Übersicht keinen klaren Beleg für eine Halbierung der Schmerzen. Die Beweislage ist hier sehr unsicher. Präparate mit überwiegend CBD zeigten keinen klaren Effekt.[1]

Eine größere Auswertung über alle Arten chronischer Schmerzen kam 2021 im British Medical Journal zu einem ähnlichen Bild: Etwa 10 von 100 Behandelten mehr spürten eine Linderung, der Effekt auf den Schlaf war klein.[5] Eine Übersichtsarbeit von 2022 fasst zusammen, dass Forschende je nach Auswahl der Studien zu sehr unterschiedlichen Schlüssen kommen, von unwirksam bis klinisch bedeutsam.[2]

Ältere Menschen sind in diesen Studien kaum vertreten. Das Durchschnittsalter in den Cochrane-Studien lag zwischen 34 und 61 Jahren.[1] Ob die Ergebnisse für Menschen über 70 gelten, ist offen.

Älteres Paar liest auf dem Sofa gemeinsam ein Informationsblatt.

Welche Risiken gibt es für ältere Menschen?

Die Cochrane-Übersicht fand bei Präparaten mit viel THC deutlich mehr Nebenwirkungen am Nervensystem: Rund 25 von 100 Behandelten mehr waren betroffen als unter Placebo. Bei THC und CBD zu gleichen Teilen brachen etwa 5 von 100 mehr die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab.[1]

Eine Auswertung von 46 Studien mit Menschen über 50 Jahren bestätigt: Präparate mit THC verursachen mehr Nebenwirkungen als ein Placebo, vor allem Schwindel, Schläfrigkeit und Mundtrockenheit. Reines CBD erhöhte die Nebenwirkungen nicht.[3]

Schwindel ist im Alter besonders heikel, weil er Stürze begünstigt. Fachleute nennen bei Älteren außerdem Auswirkungen auf Denken, Herz und Kreislauf sowie Gang und Gleichgewicht.[6] Werden Cannabis und andere Mittel gegen Nervenschmerzen kombiniert, sollte die Ärztin oder der Arzt deshalb besonders genau hinschauen.

CBD kann den Abbau anderer Medikamente im Körper verändern.[7] Bringen Sie deshalb eine vollständige Liste Ihrer Medikamente mit. Fachleute empfehlen bei gebrechlichen Menschen und bei vielen gleichzeitig eingenommenen Medikamenten, mit einer sehr niedrigen Dosis zu beginnen und langsam zu steigern.[8]

Ältere Frau sitzt am Fenster bei einer Tasse Tee.

Für wen kann eine Behandlung in Frage kommen?

Die Empfehlungen der Fachgesellschaften gehen auseinander. Einige raten ab, andere sehen keine Grundlage für eine Empfehlung. Die Deutsche Schmerzgesellschaft, die Europäische Schmerzföderation EFIC und die Kanadische Schmerzgesellschaft nennen Cannabis als Möglichkeit der dritten Wahl.[2]

Die EFIC rät, Cannabis nur zu erwägen, wenn die empfohlenen Mittel der ersten und zweiten Wahl nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden. Die Behandlung soll erfahrenen Ärztinnen und Ärzten vorbehalten sein, möglichst zusätzlich zu anderen Maßnahmen. Vorher werden realistische Ziele festgelegt. Wird das Ziel nicht erreicht, soll die Behandlung enden.[9]

Eher nicht in Frage kommt Cannabis, solange die üblichen Mittel nicht ausprobiert wurden. Besondere Vorsicht gilt bei Gangunsicherheit oder früheren Stürzen, bei Gedächtnisproblemen und bei Herzerkrankungen.[6] Die Deutsche Schmerzgesellschaft bewertet die Belege bei Nervenschmerzen als schwach und die Wirksamkeit als gering.[10]

Rezept und Kosten (Stand November 2026)

Medizinisches Cannabis ist verschreibungspflichtig. Seit dem 30. Juli 2026 bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen keine Cannabisblüten mehr. Bei einer schwerwiegenden Erkrankung können sie weiterhin Extrakte in standardisierter Qualität und Arzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol oder Nabilon übernehmen.[11]

Voraussetzung ist, dass eine übliche Behandlung nicht zur Verfügung steht oder im Einzelfall nicht in Frage kommt und eine spürbare Besserung zumindest möglich erscheint. Zuerst ist ein sechsmonatiger Therapieversuch mit einem zugelassenen cannabishaltigen Fertigarzneimittel vorgesehen. Vor der ersten Verordnung muss die Krankenkasse in der Regel zustimmen. Sie entscheidet innerhalb von zwei Wochen, mit Gutachten innerhalb von vier Wochen.[11]

Cannabisblüten können weiterhin auf Privatrezept verordnet werden. Die Kosten tragen Sie dann selbst.

Häufige Fragen

Hilft Cannabis bei Nervenschmerzen?

Bei einem Teil der Betroffenen zeigte sich in Studien eine kleine zusätzliche Linderung. Die aktuelle Cochrane-Übersicht hält den Unterschied zu Placebo aber für klinisch nicht bedeutsam.[1]

Ist THC oder CBD besser bei neuropathischen Schmerzen?

Am ehesten zeigten Präparate mit THC und CBD zu gleichen Teilen einen kleinen Vorteil. Für reines CBD fand sich kein klarer Effekt, für überwiegend THC kein klarer Nutzen bei deutlich mehr Nebenwirkungen.[1]

Welche Nebenwirkungen sind im Alter wichtig?

Vor allem Schwindel, Schläfrigkeit und Müdigkeit, weil sie das Sturzrisiko erhöhen.[3] Dazu kommen mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten.[7]

Kann ich Pregabalin oder Amitriptylin durch Cannabis ersetzen?

Ändern Sie Ihre Medikamente nie eigenmächtig. Ob Cannabis zusätzlich oder statt eines Mittels in Frage kommt, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt. Fachgesellschaften sehen Cannabis eher als Ergänzung, wenn andere Mittel nicht reichen.[9]

Bezahlt die Krankenkasse Cannabis bei Nervenschmerzen?

Bei einer schwerwiegenden Erkrankung können die gesetzlichen Kassen Extrakte, Dronabinol oder Nabilon übernehmen, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind. Cannabisblüten zahlen sie seit dem 30. Juli 2026 nicht mehr.[11]

Sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt, wenn Nervenschmerzen Sie trotz Behandlung stark belasten. Gemeinsam können Sie klären, ob die bisherigen Mittel ausgeschöpft sind und ob ein Versuch mit Cannabis in Ihrem Fall vertretbar ist. Für eine genauere Abklärung kann eine neurologische oder schmerzmedizinische Praxis sinnvoll sein.

Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ob eine Behandlung mit Cannabis für Sie in Frage kommt, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt nach einer persönlichen Untersuchung.

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Quellen

  1. Ateş G, Welsch P, Klose P, Phillips T, Lambers B, Häuser W, Radbruch L. Cannabis-based medicines for chronic neuropathic pain in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2026;1(1):CD012182. doi:10.1002/14651858.CD012182.pub3 · PMID 41548880 (geprüft am 2. November 2026)
  2. Petzke F, Tölle T, Fitzcharles MA, Häuser W. Cannabis-Based Medicines and Medical Cannabis for Chronic Neuropathic Pain. CNS Drugs. 2022;36(1):31-44. doi:10.1007/s40263-021-00879-w · PMID 34802112 (geprüft am 2. November 2026)
  3. Velayudhan L, McGoohan K, Bhattacharyya S. Safety and tolerability of natural and synthetic cannabinoids in adults aged over 50 years: A systematic review and meta-analysis. PLoS Med. 2021;18(3):e1003524. doi:10.1371/journal.pmed.1003524 · PMID 33780450 (geprüft am 2. November 2026)
  4. 2023 American Geriatrics Society Beers Criteria Update Expert Panel. American Geriatrics Society 2023 updated AGS Beers Criteria for potentially inappropriate medication use in older adults. J Am Geriatr Soc. 2023;71(7):2052-2081. doi:10.1111/jgs.18372 · PMID 37139824 (geprüft am 2. November 2026)
  5. Wang L, Hong PJ, May C, et al. Medical cannabis or cannabinoids for chronic non-cancer and cancer related pain: a systematic review and meta-analysis of randomised clinical trials. BMJ. 2021;374:n1034. doi:10.1136/bmj.n1034 · PMID 34497047 (geprüft am 2. November 2026)
  6. Minerbi A, Häuser W, Fitzcharles MA. Medical Cannabis for Older Patients. Drugs Aging. 2019;36(1):39-51. doi:10.1007/s40266-018-0616-5 · PMID 30488174 (geprüft am 2. November 2026)
  7. Brown JD, Winterstein AG. Potential Adverse Drug Events and Drug-Drug Interactions with Medical and Consumer Cannabidiol (CBD) Use. J Clin Med. 2019;8(7):989. doi:10.3390/jcm8070989 · PMID 31288397 (geprüft am 2. November 2026)
  8. Bhaskar A, Bell A, Boivin M, et al. Consensus recommendations on dosing and administration of medical cannabis to treat chronic pain: results of a modified Delphi process. J Cannabis Res. 2021;3(1):22. doi:10.1186/s42238-021-00073-1 · PMID 34215346 (geprüft am 2. November 2026)
  9. Häuser W, Finn DP, Kalso E, Krcevski-Skvarc N, Kress HG, Morlion B, Perrot S, Schäfer M, Wells C, Brill S. European Pain Federation (EFIC) position paper on appropriate use of cannabis-based medicines and medical cannabis for chronic pain management. Eur J Pain. 2018;22(9):1547-1564. doi:10.1002/ejp.1297 · PMID 30074291 (geprüft am 2. November 2026)
  10. Petzke F, Karst M, Gastmeier K, Radbruch L, Steffen E, Häuser W; Ad-hoc-Kommission der Deutschen Schmerzgesellschaft „Cannabis in der Medizin“. Positionspapier zum medizinischen Einsatz von Cannabis und cannabisbasierten Medikamenten in der Schmerzmedizin. Schmerz. 2019;33(5):449-465. doi:10.1007/s00482-019-00407-2 · PMID 31541311 (geprüft am 2. November 2026)
  11. Gesetz zur Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz), Artikel 1 Nr. 12 c (§ 31 Abs. 6 SGB V). BGBl. 2026 I Nr. 228 vom 29.07.2026. https://www.recht.bund.de/bgbl/1/2026/228/VO.html (geprüft am 2. November 2026)