Eine neue Hoffnung für die "Silent Sufferers"

Das Fibromyalgie-Syndrom (FMS) ist mehr als nur eine Diagnose; für viele Betroffene, insbesondere im fortgeschrittenen Alter, ist es das Endresultat einer jahrelangen, zermürbenden Odyssee durch Wartezimmer, Kliniken und Apotheken. In Deutschland leiden schätzungsweise zwei Millionen Menschen an diesem komplexen Beschwerdebild, wobei Frauen statistisch gesehen deutlich häufiger betroffen sind als Männer. Lange Zeit wurde die Erkrankung als "Weichteilrheuma" bagatellisiert oder gar in die psychosomatische Ecke gedrängt, was bei den Patienten zu enormem Leidensdruck und gesellschaftlicher Isolation führte. Doch das Verständnis wandelt sich: Heute wissen wir, dass es sich um eine ernstzunehmende Störung der Schmerzverarbeitung handelt, die tiefgreifende Auswirkungen auf die Lebensqualität hat.  

Gleichzeitig erleben wir in der Schmerzmedizin einen Paradigmenwechsel, der gerade für die Generation 60+ von immenser Bedeutung ist. Medizinisches Cannabis, lange Zeit stigmatisiert und rechtlich stark reglementiert, hat sich zu einer validen Therapieoption entwickelt. Durch die gesetzlichen Neuerungen der Jahre 2024 und 2025 – insbesondere den Wegfall des Genehmigungsvorbehalts für viele Fachärzte – ist der Zugang zu dieser Therapie so einfach wie nie zuvor. Für Senioren, die oft unter den Nebenwirkungen klassischer Schmerzmittel leiden oder bei denen Standardtherapien versagen, eröffnet sich hier eine Chance auf Linderung, besseren Schlaf und mehr Teilhabe am Leben.

Dieser umfassende Ratgeber beleuchtet alle Aspekte der Fibromyalgie und ihrer Behandlung mit Cannabinoiden. Er ist speziell für die Bedürfnisse älterer Menschen konzipiert: verständlich geschrieben, wissenschaftlich fundiert und mit direktem Praxisbezug. Wir klären auf über Wirkmechanismen, Dosierungen, Risiken und die aktuelle Rechtslage, damit Sie oder Ihre Angehörigen informierte Entscheidungen treffen können.

Fibromyalgie verstehen: Was passiert da eigentlich in meinem Körper?

Das Fibromyalgie-Syndrom ist eine chronische, nicht-entzündliche Schmerzerkrankung, die durch tief sitzende Muskelschmerzen in verschiedenen Körperregionen, anhaltende Erschöpfung und Schlafstörungen gekennzeichnet ist. Medizinisch betrachtet handelt es sich nicht um eine Erkrankung der Muskeln selbst, sondern um eine Störung der Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem, oft als "noziplastischer Schmerz" bezeichnet. Das bedeutet, dass die "Lautstärkeregler" für Schmerz im Gehirn und Rückenmark falsch eingestellt sind: Reize, die normalerweise harmlos wären, werden als schmerzhaft empfunden (Allodynie), und leichte Schmerzen werden als unerträglich wahrgenommen (Hyperalgesie). Der Begriff selbst setzt sich aus den lateinischen Worten "fibra" (Faser) und den griechischen Worten "myo" (Muskel) sowie "algos" (Schmerz) zusammen. Es ist wichtig zu verstehen, dass trotz der gefühlten Schmerzen keine Schäden an den Gelenken oder Muskeln nachweisbar sind – der "Alarm" ist echt, aber es brennt nirgendwo.

Welche Symptome gehören zum Krankheitsbild Fibromyalgie?

Neben den charakteristischen Schmerzen leiden Betroffene fast immer unter massiven Schlafstörungen und einer bleiernen Tagesmüdigkeit (Fatigue), die sich auch durch Ruhepausen nicht bessert. Die Symptomatik ist jedoch oft viel breiter gefächert und betrifft den ganzen Körper, was die Diagnose so schwierig macht. Experten sprechen oft von einem mulitlokulären Schmerzgeschehen.

Chronischer Schmerz

Wandernde Schmerzen in Muskeln und Sehnenansätzen ("Tender Points"). Oft beschrieben als brennend, schneidend oder wie ein "Ganzkörper-Muskelkater". Im Alter oft überlagert durch Arthrose-Schmerzen, was die Abgrenzung erschwert.

Fatigue (Erschöpfung)

Eine tiefe körperliche und geistige Erschöpfung. Einfache Tätigkeiten wie Einkaufen oder Hausarbeit führen zu tagelanger Erholungsbedürftigkeit. Dies führt oft zum sozialen Rückzug.

Schlafstörungen

Ein- und Durchschlafstörungen sowie das Fehlen der erholsamen Tiefschlafphasen ("Non-Restorative Sleep"). Wer morgens aufwacht und sich gerädert fühlt, startet bereits mit einer niedrigeren Schmerzschwelle in den Tag.

Kognitive Störungen

Oft als "Fibro-Fog" (Fibro-Nebel) bezeichnet. Dazu gehören Konzentrationsschwierigkeiten, Wortfindungsstörungen und Vergesslichkeit. Ältere Menschen haben oft Angst, dies sei ein Anzeichen von Demenz, obwohl es "nur" ein Symptom der Schmerzerkrankung ist.

Psychische Belastung

Depressive Verstimmungen und Ängste sind häufige Begleiter, oft als Reaktion auf die chronische Belastung und die Hilflosigkeit.

Vegetative Symptome

Reizdarm, Reizmagen, Herzrasen, vermehrte Kälteempfindlichkeit, trockene Augen und Mund (Sicca-Symptomatik).

Wer ist von Fibromyalgie betroffen?

In Deutschland sind etwa zwei Prozent der Erwachsenen betroffen, wobei Frauen achtmal häufiger erkranken als Männer. Die Diagnose wird meist im mittleren Lebensalter zwischen 40 und 60 Jahren gestellt, begleitet die Patienten aber bis ins hohe Alter. Es ist jedoch ein Irrglaube, dass es sich um eine reine "Frauenkrankheit" handelt; auch Männer und sogar Kinder können betroffen sein. Bei älteren Menschen wird die Diagnose oft verschleppt, da Schmerzen fälschlicherweise als normale Alterserscheinung abgetan werden.

Welche Ursache hat Fibromyalgie?

Die genauen Ursachen sind bis heute nicht abschließend geklärt, man geht jedoch von einem bio-psycho-sozialen Modell aus, bei dem genetische Veranlagung, biologische Veränderungen und äußere Stressfaktoren zusammenwirken. Es gibt nicht den einen Auslöser, sondern meist ein Bündel an Faktoren:

  1. Genetische Prädisposition: Wenn Fälle in der Familie bekannt sind, ist das Risiko erhöht.  
  2. Traumata: Physische Verletzungen (Unfälle, OPs) oder schwere emotionale Belastungen (Verlust, Missbrauch) können als Trigger fungieren, die das Nervensystem in einen dauerhaften Alarmzustand versetzen.  
  3. Neurobiologische Imbalance: Im Nervenwasser von Betroffenen findet man oft erhöhte Konzentrationen von Substanz P (einem Schmerzbotenstoff) und zu wenig Serotonin und Noradrenalin (die schmerzhemmend wirken).
  4. Endocannabinoid-Mangel: Eine spannende Theorie besagt, dass ein Mangel an körpereigenen Cannabinoiden vorliegt. Diese Hypothese (Clinical Endocannabinoid Deficiency) erklärt, warum Cannabis oft so gut wirkt – es füllt quasi einen leeren Speicher auf.  

Das Endocannabinoid-System: Der körpereigene Schmerz-Dimmer

Um zu verstehen, warum pflanzliches Cannabis helfen kann, müssen wir zuerst einen Blick auf das System werfen, das jeder Mensch bereits in sich trägt.

Was ist das Endocannabinoid-System (ECS)?

Das Endocannabinoid-System ist ein komplexes Netzwerk aus Rezeptoren und Botenstoffen im gesamten Körper, dessen Hauptaufgabe die Aufrechterhaltung des inneren Gleichgewichts (Homöostase) ist. Man kann es sich wie einen Thermostat oder einen Dimmer im Haus vorstellen. Wenn es irgendwo im Körper zu "laut" wird (zu viel Schmerz, zu viel Stress, zu viel Entzündung), versucht das ECS, das System wieder herunterzuregeln. Es beeinflusst fast alle physiologischen Prozesse: Schmerzwahrnehmung, Stimmung, Schlaf, Appetit, Gedächtnis und das Immunsystem.  

Wie funktioniert die Signalübertragung im ECS?

Das System besteht aus drei Hauptkomponenten: den Rezeptoren (CB1 und CB2), den körpereigenen Cannabinoiden (Endocannabinoide) und den Enzymen, die diese wieder abbauen. Anders als die meisten Neurotransmitter, die von einer sendenden Zelle zur empfangenden Zelle fließen, arbeiten Endocannabinoide oft "rückwärts" (retrograd).

  • Der Prozess: Wenn eine Nervenzelle durch einen Schmerzreiz übermäßig stimuliert wird, produziert die empfangende Zelle Endocannabinoide.
  • Die Regulation: Diese wandern zur sendenden Zelle zurück und docken dort an die Rezeptoren an.
  • Das Ergebnis: Sie geben das Signal: "Bitte leiser drehen!" Die Ausschüttung von schmerzleitenden Botenstoffen wird gehemmt.

Wo befinden sich die Rezeptoren und was bewirken sie?

Die beiden Hauptrezeptoren CB1 und CB2 sind im Körper unterschiedlich verteilt, was die vielfältigen Wirkungen erklärt.

  • CB1-Rezeptoren: Sie befinden sich hauptsächlich im Zentralnervensystem (Gehirn, Rückenmark). Sie sind die primären Angriffsziele für die Schmerzlinderung, aber auch für die psychoaktiven Effekte (das "High"). Sie modulieren Emotionen, Angst und das Schmerzgedächtnis.  
  • CB2-Rezeptoren: Diese finden sich vor allem auf Zellen des Immunsystems und im peripheren Gewebe. Sie regulieren Entzündungsprozesse. Da bei Fibromyalgie auch "silent inflammation" (stille Entzündungen) im Nervengewebe diskutiert wird, spielen auch diese Rezeptoren eine Rolle.  

Was besagt die Theorie des klinischen Endocannabinoid-Mangels?

Die Theorie des "Clinical Endocannabinoid Deficiency" (CECD) geht davon aus, dass manche Menschen genetisch bedingt oder durch chronischen Stress zu wenige eigene Endocannabinoide produzieren oder zu wenige Rezeptoren haben. Der US-Neurologe Dr. Ethan Russo hat diese Hypothese aufgestellt. Bei Patienten mit Fibromyalgie, Migräne und Reizdarm (die oft gemeinsam auftreten) könnte der "Schmerz-Dimmer" einfach defekt sein. Das System läuft ständig auf Hochtouren, weil das bremsende Signal fehlt. Führt man nun pflanzliche Cannabinoide (Phytocannabinoide) von außen zu, übernehmen diese die Funktion der fehlenden körpereigenen Stoffe und stellen das Gleichgewicht wieder her. Das erklärt, warum Cannabis bei diesen Krankheitsbildern oft kausaler wirkt als reine Schmerzmittel, die nur das Symptom unterdrücken.

Cannabis als Medizin: Wirkstoffe und Mechanismen

Die Hanfpflanze (Cannabis sativa) ist eine biochemische Fabrik mit über 400 Inhaltsstoffen. Für die Medizin sind vor allem die Cannabinoide und die Terpene interessant.

Wie wirkt THC (Tetrahydrocannabinol) bei Schmerzen?

THC ist das bekannteste Cannabinoid und wirkt stark schmerzlindernd (analgetisch), muskelentspannend (relaxierend) und schlaffördernd, besitzt aber auch eine berauschende (psychoaktive) Komponente. THC ähnelt dem körpereigenen Botenstoff Anandamid und bindet sehr stark an den CB1-Rezeptor im Gehirn.

  • Schmerzdistanzierung: Patienten berichten oft, dass der Schmerz nicht komplett verschwindet, aber "egaler" wird. Er rückt in den Hintergrund und dominiert nicht mehr das Denken. Dies ist besonders bei chronischen Schmerzen wertvoll, die oft mit Angst und Anspannung verknüpft sind.  
  • Muskelrelaxation: THC senkt den Muskeltonus, was bei den für Fibromyalgie typischen Verspannungen hilft.  
  • Stimmungsaufhellung: Es kann antidepressiv wirken und die Motivation steigern, wieder am Alltag teilzunehmen ("Vom Leidensweg zur Lebensfreude").  

Welche Rolle spielt CBD (Cannabidiol)?

CBD wirkt nicht berauschend, sondern eher angstlösend (anxiolytisch), entzündungshemmend und ausgleichend. Es bindet kaum direkt an die Rezeptoren, sondern moduliert deren Aktivität und hemmt den Abbau der körpereigenen Endocannabinoide (sorgt also dafür, dass das eigene "Schutzschild" länger hält).

  • Der Gegenspieler: CBD kann unerwünschte Nebenwirkungen von THC (wie Herzrasen, innere Unruhe oder "High-Gefühl") abmildern. Daher sind für Senioren oft Kombinationstherapien ideal.  
  • Schlaf und Angst: CBD hilft vielen Patienten, das Gedankenkarussell am Abend zu stoppen und besser einzuschlafen, ohne den "Hangover" klassischer Schlafmittel.

Was sind Terpene und warum sind sie wichtig?

Terpene sind die ätherischen Öle der Pflanze, die für den Geruch und Geschmack verantwortlich sind, aber auch eigene therapeutische Wirkungen haben. Das Zusammenspiel von Cannabinoiden und Terpenen nennt man den Entourage-Effekt. Studien zeigen, dass Vollextrakte (die alles enthalten) oft wirksamer sind als isoliertes THC. Für Fibromyalgie-Patienten sind bestimmte Terpene besonders interessant :  

  • Myrcen: Wirkt stark beruhigend, muskelentspannend und schlaffördernd ("Couch-Lock-Effekt"). Es kommt auch in Hopfen vor.
  • Beta-Caryophyllen: Wirkt entzündungshemmend und schmerzlindernd, indem es direkt an CB2-Rezeptoren andockt. Es kommt auch in schwarzem Pfeffer vor.
  • Linalool: Bekannt aus Lavendel, wirkt angstlösend und beruhigend.

Die Universität von Arizona forscht speziell an Terpenen als neue Therapieoption für Fibromyalgie, da sie die Wirkung verstärken können, ohne die psychoaktive Last zu erhöhen.

Wissenschaftliche Evidenz: Was sagen die Studien?

Die Studienlage zu Cannabis bei Fibromyalgie ist ein Feld im Umbruch. Es gibt eine Diskrepanz zwischen strengen klinischen Studien und den Erfahrungen aus der Praxis ("Real World Evidence").

Was zeigen klinische Studien zur Wirksamkeit?

Klassische randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) zeigen oft nur moderate Effekte auf die reine Schmerzskala, aber signifikante Verbesserungen der Lebensqualität. Ein oft zitierter Cochrane-Review von 2016 bewertete die Evidenz damals als "niedrig bis moderat". Kritiker bemängeln jedoch oft, dass diese Studien meist mit synthetischen Cannabinoiden (wie Nabilon) durchgeführt wurden, die den Entourage-Effekt missen lassen, und die Studiendauer zu kurz war. Neuere Untersuchungen, wie eine Analyse von 2024, zeigen bei der Gabe von Dronabinol (THC) zwar keine massive Reduktion der absoluten Schmerzintensität im Vergleich zu Placebo, aber signifikante Verbesserungen bei Schlaf und Wohlbefinden. Das Fazit vieler Forscher: Cannabis ist vielleicht kein "Schmerz-Killer" wie Morphin, aber ein "Lebensqualitäts-Verbesserer".  

Welche Ergebnisse liefern Beobachtungsstudien aus der Versorgung?

Registerstudien, die Patienten im echten Leben begleiten, zeigen oft deutlich positivere Ergebnisse, insbesondere bei der Verwendung von Blüten und Extrakten.

  • Israelische Daten: Israel ist weltweit führend in der Cannabis-Forschung. Eine Studie mit 367 Fibromyalgie-Patienten zeigte nach sechs Monaten Therapie beeindruckende Ergebnisse: Die Schmerzintensität sank signifikant, und viele Patienten konnten ihre Opiat- und Benzodiazepin-Dosis reduzieren oder ganz absetzen.  
  • Deutsches Schmerzregister: Auch Daten aus Deutschland bestätigen, dass Cannabis als Add-on-Therapie (zusätzlich zu anderen Maßnahmen) bei schwer behandelbaren Patienten zu einer relevanten Linderung führt. Über 50% der Patienten berichten von einer Schmerzreduktion von mehr als 30%, was in der Schmerzmedizin als klinisch relevant gilt.  
  • Kanadische Register: Zeigen ähnliche Trends: Verbesserter Schlaf ist oft der erste und wichtigste Effekt, der dann sekundär zu weniger Schmerz und mehr Aktivität führt.  

Warum widersprechen sich manche Studien?

Die Widersprüche resultieren oft aus unterschiedlichen Studiendesigns (synthetisches vs. pflanzliches Cannabis), unterschiedlichen Dosierungen und Patientenpopulationen. Zudem ist Schmerz subjektiv. Ein Medikament, das den Schlaf verbessert und die Angst nimmt, kann dazu führen, dass der Patient sagt "Mir geht es viel besser", auch wenn er auf einer Skala von 1-10 immer noch eine 5 ankreuzt. In der modernen Schmerztherapie zählt die "Funktionalität" und "Lebensqualität" oft mehr als der reine Schmerzwert. Die Deutsche Schmerzgesellschaft betont daher, dass Cannabis als individueller Heilversuch zu sehen ist, wenn leitliniengerechte Therapien versagt haben.

Besonderheiten für Senioren: Sicherheit geht vor

Die Website cannabis-im-alter.de richtet sich an eine Zielgruppe, deren Stoffwechsel sich von dem junger Menschen unterscheidet. "Start low, go slow" (Niedrig starten, langsam steigern) ist hier das oberste Gebot.

Wie verändert sich die Wirkung von Cannabis im Alter?

Der alternde Körper verstoffwechselt Medikamente langsamer, und das Gehirn reagiert empfindlicher auf psychoaktive Substanzen.

  1. Metabolismus: Leber und Nieren arbeiten langsamer. Medikamente bleiben länger im System. Was bei einem 30-Jährigen nach 4 Stunden abgebaut ist, wirkt bei einem 70-Jährigen vielleicht 8 Stunden.  
  2. Körperfett: Cannabinoide sind fettlöslich und lagern sich im Fettgewebe ein. Da sich das Verhältnis von Muskel zu Fett im Alter verändert, kann sich THC im Körper anreichern (Kumulation), was zu verzögerten Wirkungen führen kann.
  3. Empfindlichkeit: Das Gehirn verfügt im Alter über weniger Reserven (neuronale Plastizität). Nebenwirkungen wie Schwindel oder Verwirrtheit treten schneller auf.  

Welche Nebenwirkungen sind für Senioren besonders relevant?

Während Cannabis organisch nicht toxisch ist (keine Atemdepression), sind die funktionellen Nebenwirkungen für Senioren potenziell gefährlich.

  • Schwindel & Sturzgefahr: THC kann den Blutdruck kurzzeitig senken (Hypotonie) und den Gleichgewichtssinn stören. Für mobilitätseingeschränkte Menschen ist das Sturzrisiko (z. B. Oberschenkelhalsbruch) die größte Gefahr. Empfehlung: Einnahme primär abends im Sitzen/Liegen.  
  • Herz-Kreislauf: THC kann die Herzfrequenz erhöhen (Tachykardie). Für Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz oder frischem Herzinfarkt ist Vorsicht geboten. Eine kardiologische Rücksprache ist Pflicht.  
  • Mundtrockenheit: Scheint harmlos, kann aber bei Senioren Prothesenhalt verschlechtern und Schluckbeschwerden verstärken.  
  • Kognition: Hohe Dosen können das Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigen. Bei korrekter Mikrodosierung berichten viele Senioren jedoch vom Gegenteil: Weil der Schmerz nachlässt, wird der Kopf wieder klarer.  

Was muss bei der Einnahme anderer Medikamente beachtet werden?

Polypharmazie (Einnahme vieler Medikamente) ist im Alter die Regel. Cannabis kann Wechselwirkungen verursachen. Cannabinoide (besonders CBD in sehr hohen Dosen) werden über das Leberenzymsystem Cytochrom P450 (CYP450) abgebaut. Über denselben Weg werden auch viele Blutverdünner (Marcumar, Warfarin), Betablocker und Statine verstoffwechselt.

  • Das Risiko: Cannabis kann den Abbau anderer Medikamente hemmen, wodurch deren Wirkung (und Nebenwirkung) steigt. Oder es beschleunigt den Abbau, wodurch die Wirkung verpufft.
  • Die Lösung: Der Arzt muss den Medikamentenplan prüfen. Oft reicht es, die Einnahmezeitpunkte zu entzerren oder die Dosis der anderen Medikamente minimal anzupassen.  

Praktische Anwendung: Therapieformen und Dosierung

Wie kommt der Wirkstoff nun in den Körper? Für Senioren eignen sich nicht alle Methoden gleich gut.

Welche Darreichungsformen sind für ältere Menschen empfehlenswert?

Die orale Einnahme (Tropfen/Extrakte) ist der Goldstandard in der Geriatrie, da sie einfach, diskret und langanhaltend ist.

  1. Cannabis-Extrakte (Öle):
    • Anwendung: Mit einer Pipette oder einem Dosierspray unter die Zunge (sublingual) oder auf einen Löffel Joghurt.
    • Vorteil: Exakte Dosierbarkeit, kein Rauch, lange Wirkdauer (6-8 Stunden) – ideal zum Durchschlafen.
    • Nachteil: Wirkungseintritt erst nach 30-90 Minuten. Geduld ist gefragt! Nicht nachlegen, wenn nach 20 Minuten noch nichts passiert.  
  2. Dronabinol-Kapseln:
    • Anwendung: Schlucken wie eine normale Tablette.
    • Vorteil: Vertraute Einnahmeform, kein Cannabis-Geschmack.
    • Nachteil: Enthält nur reines THC (Monopräparat), daher fehlt der wertvolle Entourage-Effekt der Pflanze. Oft teurer.  
  3. Verdampfen (Vaporizer):
    • Anwendung: Getrocknete Blüten werden in einem Gerät erhitzt (nicht verbrannt!) und der Dampf inhaliert.
    • Vorteil: Wirkt sofort (1-5 Minuten). Gut bei akuten Schmerzspitzen ("Durchbruchschmerz").
    • Nachteil: Technische Hürde (Bedienung, Reinigung), kürzere Wirkdauer (2-3 Stunden), Hustenreiz möglich. Rauchen (Joints) wird medizinisch strikt abgelehnt.  

Wie finde ich die richtige Dosierung?

Es gibt keine Standarddosis ("One size fits all"). Jeder Mensch hat eine individuelle "therapeutische Breite". Das Schema lautet "Start low, go slow" (Niedrig starten, langsam steigern). Bitte sprechen Sie in jedem Fall mit einem Arzt über Ihr spezifisches Krankheitsbild, bevor sie medizinisches Cannabis zu sich nehmen.

Welche Cannabissorten helfen bei Fibromyalgie am besten?

Experten raten meist zu Sorten mit einem ausgewogenen Verhältnis von THC und CBD (Balanced Strains) oder Sorten mit spezifischem Terpenprofil.

  • Balanced (z. B. Bediol, Tilray 10/10): Enthält THC und CBD zu gleichen Teilen. Das CBD puffert das THC ab, die Wirkung ist milder und klarer. Ideal für den Tag.
  • Indica-dominante Sorten (z. B. Bedrock, Cannamedical Indica): Enthalten viel Myrcen. Wirken körperlich schwer, beruhigend und schlaffördernd. Ideal für den Abend.
  • Sativa-dominante Sorten (z. B. Bedrocan): Wirken eher anregend. Bei Fibromyalgie oft nicht die erste Wahl, da sie Unruhe verstärken können, es sei denn, die Fatigue (Erschöpfung) steht im Vordergrund.  

Die rechtliche Situation 2025: Ein neuer Zugang für Patienten

Seit dem 1. April 2024 ist Cannabis in Deutschland kein Betäubungsmittel (BtM) mehr. Dies hat die Verschreibung revolutioniert, und weitere Änderungen durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) im Herbst 2024 haben die Kassenleistung erleichtert.

Wer darf Medizinalcannabis verschreiben?

Grundsätzlich darf jeder Arzt (außer Zahnärzte und Tierärzte) Cannabis verschreiben. Der große Unterschied liegt darin, ob es auf Kassenrezept (GKV zahlt) oder Privatrezept (Patient zahlt) verordnet wird.

Wann übernimmt die Krankenkasse die Kosten?

Fibromyalgie ist eine anerkannte Indikation für die Kostenübernahme, sofern sie "schwerwiegend" ist und andere Therapien ausgeschöpft sind. Die Neuheit 2024/2025: Der früher obligatorische "Genehmigungsvorbehalt" (Antrag bei der Kasse vor dem ersten Rezept) ist für viele Fachärzte entfallen! Folgende Ärzte dürfen nun direkt ein Kassenrezept ausstellen, ohne vorher zu fragen:  

  • Anästhesisten (Schmerztherapeuten)
  • Neurologen
  • Psychiater
  • Palliativmediziner
  • Hausärzte/Allgemeinmediziner mit Zusatzbezeichnung (Spezielle Schmerztherapie, Palliativmedizin, Geriatrie, Schlafmedizin).  

Für Hausärzte ohne diese Zusatzbezeichnungen gilt weiterhin: Sie müssen einen Antrag stellen. Dieser darf vom Medizinischen Dienst (MD) aber nur noch in "begründeten Ausnahmefällen" abgelehnt werden. Die Ablehnungsquote ist massiv gesunken.  

Was kostet Cannabis auf Privatrezept?

Für viele Senioren, die den bürokratischen Weg scheuen oder keinen Schmerztherapeuten finden, ist das Privatrezept eine Alternative. Da Cannabis kein BtM mehr ist, fällt die teure BtM-Gebühr weg. Zudem sind die Apothekenpreise durch den Wettbewerb stark gesunken.

  • Kosten: Medizinalblüten gibt es in Apotheken mittlerweile ab ca. 5 € bis 12 € pro Gramm. Bei einer typischen Tagesdosis von 0,3 - 0,5 Gramm liegen die monatlichen Kosten oft zwischen 50 € und 150 €.
  • Extrakte: Diese sind in der Herstellung teurer. Eine Flasche (reicht oft für 4-6 Wochen) kann zwischen 80 € und 200 € kosten. Der Zugang über Telemedizin-Anbieter (Online-Ärzte), die auf Cannabis spezialisiert sind, ist legal und einfach, aber immer eine Selbstzahler-Leistung.  

Darf ich mit Cannabis Auto fahren?

Ja, als Patient grundsätzlich schon – aber mit Einschränkungen. Der Gesetzgeber unterscheidet zwischen "Konsum zu Rauschzwecken" und "ärztlich verordneter Einnahme".

  • Das Privileg: Patienten, die Cannabis dauerhaft und stabil einnehmen (Dauer-Medikation), fallen nicht unter den strikten THC-Grenzwert von 3,5 ng/ml (bzw. 1,0 ng alt) für Freizeitkonsumenten.
  • Die Bedingung: Sie müssen fahrtüchtig sein. In der Einstellungsphase oder bei Dosisänderung: Auto stehen lassen!
  • Der Nachweis: Sie sollten immer eine Kopie des aktuellen Rezepts oder einen Cannabis-Patientenausweis mitführen. Bei einer Kontrolle schützt das zwar nicht vor einer Blutentnahme, aber es verhindert den sofortigen Führerscheinentzug, sofern keine Ausfallerscheinungen (Schlangenlinien) vorliegen. Tipp: Lassen Sie sich vom Arzt eine Bescheinigung über die Fahrtauglichkeit ausstellen, sobald Sie stabil eingestellt sind.

FAQ - Häufig gestellte fragen

Hilft Cannabis wirklich, wenn Opiate versagt haben?

Ja, das ist sehr oft der Fall, da Cannabis über einen völlig anderen Mechanismus wirkt. Während Opiate (Morphin, Oxycodon) den Schmerzreiz zentral blockieren (was bei Fibromyalgie oft schlecht funktioniert, da kaum Opioid-Rezeptoren an den betroffenen Stellen aktiv sind), moduliert Cannabis die Bewertung und Verarbeitung des Schmerzes. Viele Patienten, die als "therapieresistent" galten, sprechen auf Cannabis an.  

Macht mich das Cannabis "high" oder süchtig?

Bei korrekter medizinischer Dosierung ("Low Dose") tritt kein Rausch auf. Sie sollen nicht "high" werden, sondern schmerzfrei(er). Die Dosis wird so gewählt, dass die therapeutische Wirkung eintritt, bevor die psychoaktive Wirkung beginnt. Eine körperliche Abhängigkeit ist bei medizinischer Nutzung sehr gering und nicht vergleichbar mit Opiaten. Das Ausschleichen der Therapie ist meist problemlos möglich.  

Übernimmt die Pflegeversicherung die Kosten?

Nein, die Pflegekasse ist dafür nicht zuständig. Kostenträger ist immer die Krankenkasse (GKV oder PKV). Ein Pflegegrad kann jedoch als Argumentationshilfe dienen, um die Schwere der Beeinträchtigung im Alltag gegenüber der Krankenkasse zu belegen ("Drohende Pflegebedürftigkeit").  

Kann ich Cannabis auch äußerlich anwenden?

Ja, es gibt Cremes und Gele mit CBD (und in Ländern mit Legalisierung auch THC). Diese wirken lokal an den Rezeptoren in der Haut und Muskulatur, ohne in den Blutkreislauf zu gelangen. Es gibt keinen Rausch. Dies kann bei lokalen Schmerzen an Knien oder Händen eine gute Ergänzung sein, die Studienlage hierzu ist aber noch dünn.

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Quellen

https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/wissen/krankheiten-a-z/fibromyalgie-1141670

https://deutsche-cannabis-akademie.de/tipps/praxisratgeber-zur-cannabistherapie-bei-fibromyalgie/

https://www.schmerzgesellschaft.de/topnavi/patienteninformationen/schmerzerkrankungen/fibromyalgie-syndrom

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/medizinal-cannabisgesetz-kabinett-pm-08-10-25.html

https://nimrod-rechtsanwaelte.de/cannabis-verschreibung/

https://www.hescuro.de/krankheiten/fibromyalgie/symptome-ursachen/

https://www.rheumaliga.ch/assets/doc/BE_Dokumente/Veranstaltungen/Handout_Cannabisvortrag-Rheumaliga-Bern-Oberwallis-Final.pdf

https://eusphera.com/de-de/blogs/news/cbd-fibromialgia

https://www.naturecan.ch/a/blog/cbd/cbd-bei-fybromyalgie/

https://www.pflege.de/krankheiten/medizinisches-cannabis/

https://www.cannabis-aerzte.de/krankheiten/fibromyalgie-cannabis-rezept/

https://healthsciences.arizona.edu/news/releases/cannabis-terpenes-offer-potential-new-way-treat-fibromyalgia-pain

https://www.bfarm.de/DE/Bundesopiumstelle/Medizinisches-Cannabis/Hinweise-fuer-Aerzte/_node.html

https://www.tk.de/techniker/krankheit-und-behandlungen/erkrankungen/behandlungen-und-medizin/sucht/cannabis-2015714