Mann, der sich vor Schmerzen an den Nacken fasst

Stand: November 2026. Quellen geprüft am 2. November 2026.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Studienlage ist mäßig. Große Auswertungen zeigen bei einem Teil der Betroffenen eine kleine zusätzliche Schmerzlinderung, aber keinen starken Effekt.[1]
  • Chronische Schmerzen sind in Deutschland der häufigste Grund für eine Verordnung von Cannabis. Das zeigt die Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM).[2]
  • Ältere Menschen sind in den Studien kaum vertreten. Mit THC steigen Schwindel und Müdigkeit und damit das Risiko zu stürzen.[3]
  • Ob ein Behandlungsversuch sinnvoll ist, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt im Einzelfall. Fachgesellschaften sehen Cannabis erst, wenn bewährte Behandlungen nicht ausreichen.[4]
Ältere Frau im Sessel stützt eine Hand in den Rücken.

Was sind chronische Schmerzen im Alter?

Als chronisch gelten Schmerzen, die länger als drei Monate bestehen. In einer repräsentativen Befragung in Deutschland mit 2.515 Menschen ab 14 Jahren gaben 32,9 Prozent solche Schmerzen an. Bei 5,4 Prozent schränkten die Schmerzen den Alltag körperlich und sozial deutlich ein. Nicht jeder chronische Schmerz bedeutet also großes Leiden.[5]

Ältere Menschen sind besonders häufig betroffen. Eine Übersichtsarbeit von 2019 spricht von einer stillen Epidemie chronischer Schmerzen im Alter. Häufige Ursachen sind Arthrose, Rückenleiden und Nervenschäden. Die Schmerzen gehen oft mit Schlafproblemen, gedrückter Stimmung und weniger Bewegung einher.[6]

Älterer Mann im Gespräch mit einer Ärztin am Schreibtisch einer Praxis.

Was sagen Studien zu Cannabis bei chronischen Schmerzen?

Die bisher umfassendste Auswertung erschien 2021 im British Medical Journal. Sie fasste 32 kontrollierte Studien mit 5.174 Erwachsenen zusammen. Mit Cannabis zum Einnehmen oder als Mundspray spürten etwa 10 von 100 Behandelten mehr eine Linderung als mit einem Scheinmedikament (Placebo). Die Vertrauenswürdigkeit dieses Ergebnisses bewerten die Forschenden als mittel.[1]

Beim Schlaf zeigte dieselbe Auswertung einen kleinen Vorteil. Die körperliche Belastbarkeit besserte sich nur sehr wenig. Auf Stimmung und soziales Leben hatte Cannabis keinen nachweisbaren Einfluss, und dieses Ergebnis gilt als sehr verlässlich.[1]

Eine große kontrollierte Studie von 2025 prüfte einen Cannabisextrakt bei chronischen Kreuzschmerzen. 820 Erwachsene nahmen zwölf Wochen teil. Auf einer Skala von 0 bis 10 sank der Schmerz mit dem Extrakt um 0,6 Punkte stärker als mit Placebo. Das ist messbar, aber klein. Nebenwirkungen hatten 83 Prozent der Behandelten, unter Placebo 67 Prozent. Der Hersteller hat die Studie finanziert.[7]

Bei Nervenschmerzen fasst eine Cochrane-Übersicht von 2026 21 Studien mit 2.187 Teilnehmenden zusammen. Präparate mit THC und CBD zu gleichen Teilen brachten etwa 7 von 100 Behandelten mehr eine Linderung um mindestens 30 Prozent. Die Forschenden halten diesen Unterschied für klinisch nicht bedeutsam.[8]

Ob Cannabis hilft, andere Schmerzmittel wie Opioide einzusparen, ist offen. Eine Auswertung von 2021 fand dafür nur sehr unsichere Hinweise.[9] Für ältere Menschen ist die Lage noch dünner: Fast alle Studienteilnehmenden waren jünger als 60 Jahre.[3]

Die Begleiterhebung des BfArM wertete knapp 17.000 Behandlungen aus. Drei von vier erfolgten wegen Schmerzen. Ärztinnen und Ärzte meldeten bei knapp drei Vierteln eine Besserung. Ein Drittel brach die Therapie innerhalb eines Jahres ab, am häufigsten wegen fehlender Wirkung. Weil eine Vergleichsgruppe fehlte, belegt die Erhebung keine Wirksamkeit. Das betont das BfArM selbst.[2]

Älteres Paar liest auf dem Sofa gemeinsam ein Informationsblatt.

Welche Risiken gibt es für ältere Menschen?

Eine Auswertung von 46 Studien mit 6.216 Menschen über 50 Jahren zeigt: Präparate mit THC führen häufiger zu Nebenwirkungen als ein Placebo. Typisch sind Schwindel, Schläfrigkeit und Mundtrockenheit. Reines CBD erhöhte die Nebenwirkungen in dieser Auswertung nicht.[10]

Schwindel ist im Alter besonders heikel, weil er Stürze begünstigt. Bei einer Behandlung über mindestens drei Monate trat Schwindel bei 28 von 100 Behandelten mehr auf als unter Placebo.[1] In der BfArM-Erhebung waren Müdigkeit (14,9 Prozent) und Schwindel (9,8 Prozent) die häufigsten gemeldeten Nebenwirkungen.[2]

Fachleute nennen bei Älteren außerdem Auswirkungen auf Denken und Gedächtnis, auf Herz und Kreislauf sowie auf Gang und Gleichgewicht.[3] CBD kann den Abbau anderer Medikamente im Körper verändern. Wer mehrere Medikamente einnimmt, sollte der Ärztin oder dem Arzt deshalb die vollständige Liste zeigen.[11]

Fachleute empfehlen bei gebrechlichen Menschen und bei vielen gleichzeitig eingenommenen Medikamenten, mit einer sehr niedrigen Dosis zu beginnen und langsam zu steigern.[12] Setzen Sie verordnete Schmerzmittel nie eigenmächtig ab.

Ältere Frau sitzt am Fenster bei einer Tasse Tee.

Für wen kann eine Behandlung in Frage kommen?

Die Europäische Schmerzföderation EFIC rät, Cannabisarzneimittel nur zu erwägen, wenn die in Leitlinien empfohlenen Behandlungen nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden. Bei Nervenschmerzen hält sie einen Einsatz für vertretbar. Bei anderen chronischen Schmerzen spricht sie von einem individuellen Therapieversuch mit klaren Zielen. Wird das Ziel nicht erreicht, soll die Behandlung enden.[4]

Die Deutsche Schmerzgesellschaft sieht es ähnlich. Sie schreibt, dass sich außerhalb von Nervenschmerzen, Spastik und Tumorschmerzen nur ein individueller Therapieversuch begründen lässt. Langzeitstudien zu Blüten und Extrakten fehlen fast völlig.[13] Ein speziell für chronische Schmerzen zugelassenes Cannabisarzneimittel gab es laut BfArM 2022 nicht.[2]

Eher nicht in Frage kommt Cannabis, solange bewährte Behandlungen nicht ausgeschöpft sind. Besondere Vorsicht gilt bei Gangunsicherheit oder früheren Stürzen, bei Gedächtnisproblemen und bei Herzerkrankungen.[3]

Rezept und Kosten (Stand November 2026)

Medizinisches Cannabis ist verschreibungspflichtig. Seit dem 30. Juli 2026 bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen keine Cannabisblüten mehr. Bei einer schwerwiegenden Erkrankung können sie weiterhin Extrakte in standardisierter Qualität und Arzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol oder Nabilon übernehmen.[14]

Voraussetzung ist, dass eine übliche Behandlung nicht zur Verfügung steht oder im Einzelfall nicht in Frage kommt und eine spürbare Besserung zumindest möglich erscheint. Zuerst ist ein sechsmonatiger Therapieversuch mit einem zugelassenen cannabishaltigen Fertigarzneimittel vorgesehen. Vor der ersten Verordnung muss die Krankenkasse in der Regel zustimmen. Sie entscheidet innerhalb von zwei Wochen, mit Gutachten innerhalb von vier Wochen.[14]

Cannabisblüten können weiterhin auf Privatrezept verordnet werden. Die Kosten tragen Sie dann selbst.

Häufige Fragen

Hilft Cannabis bei chronischen Schmerzen im Alter?

Das lässt sich nicht allgemein sagen. In Studien zeigte sich bei einem Teil der Betroffenen eine kleine zusätzliche Linderung gegenüber Placebo.[1] Für ältere Menschen gibt es nur wenige Daten, weil die Teilnehmenden meist jünger waren.[3]

Welche Nebenwirkungen hat medizinisches Cannabis?

Häufig sind Schwindel, Müdigkeit, Schläfrigkeit und Mundtrockenheit. Präparate mit THC verursachen mehr Nebenwirkungen als reines CBD.[10] Für ältere Menschen ist vor allem das höhere Sturzrisiko wichtig.

Kann ich mit Cannabis andere Schmerzmittel einsparen?

Das ist nicht belegt. Eine Auswertung von 2021 fand dafür nur sehr unsichere Hinweise.[9] Ändern Sie Ihre Medikamente nur nach Absprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Bezahlt die Krankenkasse Cannabis bei chronischen Schmerzen?

Bei einer schwerwiegenden Erkrankung können die gesetzlichen Kassen Extrakte, Dronabinol oder Nabilon übernehmen, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind. Cannabisblüten zahlen sie seit dem 30. Juli 2026 nicht mehr.[14]

Wer darf medizinisches Cannabis verschreiben?

Verschreiben dürfen Ärztinnen und Ärzte.[15] Erste Ansprechperson ist Ihre Hausarztpraxis. Sie kann bei Bedarf an eine schmerzmedizinische Praxis überweisen.

Sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt, wenn Ihre Schmerzen trotz Behandlung stark bleiben. Gemeinsam können Sie klären, welche Möglichkeiten es gibt und ob ein Versuch mit Cannabis in Ihrem Fall vertretbar ist. Bei schwer behandelbaren Schmerzen kann eine Überweisung in eine schmerzmedizinische Praxis sinnvoll sein.

Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ob eine Behandlung mit Cannabis für Sie in Frage kommt, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt nach einer persönlichen Untersuchung.

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Quellen

  1. Wang L, Hong PJ, May C, et al. Medical cannabis or cannabinoids for chronic non-cancer and cancer related pain: a systematic review and meta-analysis of randomised clinical trials. BMJ. 2021;374:n1034. doi:10.1136/bmj.n1034 · PMID 34497047 (geprüft am 2. November 2026)
  2. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Abschlussbericht der Begleiterhebung nach § 31 Abs. 6 SGB V zur Verschreibung und Anwendung von Cannabisarzneimitteln. 06.07.2022. bfarm.de (PDF) (geprüft am 2. November 2026)
  3. Minerbi A, Häuser W, Fitzcharles MA. Medical Cannabis for Older Patients. Drugs Aging. 2019;36(1):39-51. doi:10.1007/s40266-018-0616-5 · PMID 30488174 (geprüft am 2. November 2026)
  4. Häuser W, Finn DP, Kalso E, Krcevski-Skvarc N, Kress HG, Morlion B, Perrot S, Schäfer M, Wells C, Brill S. European Pain Federation (EFIC) position paper on appropriate use of cannabis-based medicines and medical cannabis for chronic pain management. Eur J Pain. 2018;22(9):1547-1564. doi:10.1002/ejp.1297 · PMID 30074291 (geprüft am 2. November 2026)
  5. Häuser W, Schmutzer G, Hinz A, Hilbert A, Brähler E. Prävalenz chronischer Schmerzen in Deutschland. Befragung einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe. Schmerz. 2013;27(1):46-55. doi:10.1007/s00482-012-1280-z · PMID 23321703 (geprüft am 2. November 2026)
  6. Domenichiello AF, Ramsden CE. The silent epidemic of chronic pain in older adults. Prog Neuropsychopharmacol Biol Psychiatry. 2019;93:284-290. doi:10.1016/j.pnpbp.2019.04.006 · PMID 31004724 (geprüft am 2. November 2026)
  7. Karst M, Meissner W, Sator S, Keßler J, Schoder V, Häuser W. Full-spectrum extract from Cannabis sativa DKJ127 for chronic low back pain: a phase 3 randomized placebo-controlled trial. Nat Med. 2025;31(12):4189-4196. doi:10.1038/s41591-025-03977-0 · PMID 41023483 (geprüft am 2. November 2026)
  8. Ateş G, Welsch P, Klose P, Phillips T, Lambers B, Häuser W, Radbruch L. Cannabis-based medicines for chronic neuropathic pain in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2026;1(1):CD012182. doi:10.1002/14651858.CD012182.pub3 · PMID 41548880 (geprüft am 2. November 2026)
  9. Noori A, Miroshnychenko A, Shergill Y, et al. Opioid-sparing effects of medical cannabis or cannabinoids for chronic pain: a systematic review and meta-analysis of randomised and observational studies. BMJ Open. 2021;11(7):e047717. doi:10.1136/bmjopen-2020-047717 · PMID 34321302 (geprüft am 2. November 2026)
  10. Velayudhan L, McGoohan K, Bhattacharyya S. Safety and tolerability of natural and synthetic cannabinoids in adults aged over 50 years: A systematic review and meta-analysis. PLoS Med. 2021;18(3):e1003524. doi:10.1371/journal.pmed.1003524 · PMID 33780450 (geprüft am 2. November 2026)
  11. Brown JD, Winterstein AG. Potential Adverse Drug Events and Drug-Drug Interactions with Medical and Consumer Cannabidiol (CBD) Use. J Clin Med. 2019;8(7):989. doi:10.3390/jcm8070989 · PMID 31288397 (geprüft am 2. November 2026)
  12. Bhaskar A, Bell A, Boivin M, et al. Consensus recommendations on dosing and administration of medical cannabis to treat chronic pain: results of a modified Delphi process. J Cannabis Res. 2021;3(1):22. doi:10.1186/s42238-021-00073-1 · PMID 34215346 (geprüft am 2. November 2026)
  13. Petzke F, Karst M, Gastmeier K, Radbruch L, Steffen E, Häuser W; Ad-hoc-Kommission der Deutschen Schmerzgesellschaft „Cannabis in der Medizin“. Positionspapier zum medizinischen Einsatz von Cannabis und cannabisbasierten Medikamenten in der Schmerzmedizin. Schmerz. 2019;33(5):449-465. doi:10.1007/s00482-019-00407-2 · PMID 31541311 (geprüft am 2. November 2026)
  14. Gesetz zur Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz), Artikel 1 Nr. 12 c (§ 31 Abs. 6 SGB V). BGBl. 2026 I Nr. 228 vom 29.07.2026. https://www.recht.bund.de/bgbl/1/2026/228/VO.html (geprüft am 2. November 2026)
  15. Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG), § 3 Verschreibung. gesetze-im-internet.de (geprüft am 2. November 2026)