Stand: November 2026. Quellen geprüft am 2. November 2026.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Studienlage zu Cannabis bei Schlaganfall ist dünn. Die bislang wichtigste kontrollierte Studie fand bei Spastik keinen Unterschied zwischen einem THC/CBD-Mundspray und einem Scheinmedikament.[1]
  • Besser untersucht ist dasselbe Mundspray bei Spastik durch Multiple Sklerose. Ob sich diese Ergebnisse auf Menschen nach einem Schlaganfall übertragen lassen, ist offen.[2]
  • In Beobachtungsstudien, die überwiegend Freizeitkonsum erfassten, war Cannabiskonsum mit etwa 20 Prozent mehr Schlaganfällen verbunden. Ob das auch für eine ärztlich begleitete Therapie gilt, ist nicht geklärt.[3]
  • THC macht ältere Menschen häufiger schwindelig, müde und unsicher beim Gehen. Wer nach einem Schlaganfall ohnehin schlechter auf den Beinen ist, sollte das besonders ernst nehmen.[4]
Eine Therapeutin hilft einem älteren Mann, vom Stuhl aufzustehen.

Was ist ein Schlaganfall im Alter?

Bei einem Schlaganfall wird ein Teil des Gehirns plötzlich nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt. Meist verschließt ein Blutgerinnsel ein Gefäß, seltener blutet es im Gehirn. Laut der weltweiten Krankheitslast-Studie (Global Burden of Disease) gab es 2021 rund 11,9 Millionen neue Schlaganfälle. Etwa 65 Prozent gingen auf einen Gefäßverschluss zurück, knapp 29 Prozent auf eine Hirnblutung.[5]

Viele Menschen behalten nach einem Schlaganfall Folgen zurück, etwa Lähmungen, Schmerzen oder Sprachstörungen. Häufig ist eine Spastik. Dabei sind Muskeln dauerhaft angespannt und lassen sich nur schwer bewegen. Eine Übersichtsarbeit im Fachjournal Neurology fand eine Spastik bei 4 bis 27 Prozent der Betroffenen in den ersten Wochen und bei 17 bis knapp 43 Prozent, wenn der Schlaganfall mehr als drei Monate zurücklag.[6]

Ältere Frau sitzt am Fenster und hält einen weichen Therapieball in der Hand.

Was sagen Studien zu Cannabis bei Schlaganfall?

Placebokontrollierte Studien zu Cannabis nach einem Schlaganfall gibt es kaum. Die wichtigste stammt von Marinelli und Kollegen aus Genua (2022). Sie testeten ein THC/CBD-Mundspray (Wirkstoff Nabiximols) gegen ein Scheinmedikament. Ausgewertet wurden 34 Personen, jede bekam beide Mittel je vier Wochen lang. Weder bei der Spastik noch bei den übrigen Messgrößen zeigte sich ein Unterschied. Vier Personen brachen wegen Nebenwirkungen ab, alle während der Behandlung mit dem Wirkstoff.[1]

Die beste Evidenz in der Nähe betrifft Multiple Sklerose. Ein Cochrane-Review von 2022 mit 25 Studien kam zu dem Ergebnis, dass das THC/CBD-Mundspray die empfundene Spastik bei MS kurzfristig wahrscheinlich verringert. Die Vertrauenswürdigkeit dieser Aussage stufen die Autoren als mittel ein. Die Teilnehmenden waren 18 bis 60 Jahre alt. Ältere Menschen nach einem Schlaganfall wurden dort nicht untersucht.[2] Zugelassen ist das Mundspray bisher nur für Spastik bei Multipler Sklerose.[1]

Weitere Hinweise stammen aus der Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Ärztinnen und Ärzte meldeten dort bis Anfang 2022 rund 16.800 vollständige Behandlungsverläufe. Bei Spastik schätzten sie den Verlauf in etwa 82 Prozent der Fälle als gebessert ein. Das BfArM betont aber, dass solche Angaben keine Wirksamkeit belegen und den Placeboeffekt nicht erfassen. Halbseitenlähmungen mit Spastik, wie sie nach einem Schlaganfall typisch sind, machten nur wenige Dutzend Fälle aus.[7]

Auch Nervenschmerzen können nach einem Schlaganfall auftreten. Hier ist die Lage ebenfalls ernüchternd. Ein Cochrane-Review von 2026 mit 21 Studien fand für THC-betonte Mittel keinen klaren Nutzen bei chronischen Nervenschmerzen. Bei Mitteln mit THC und CBD zu gleichen Teilen waren die gemessenen Effekte so klein, dass die Autoren sie als klinisch nicht bedeutsam einstuften. Gleichzeitig traten Nebenwirkungen am Nervensystem häufiger auf.[8]

Älteres Paar liest auf dem Sofa gemeinsam ein Informationsblatt.

Welche Risiken gibt es für ältere Menschen?

Eine Auswertung von 58 kontrollierten Studien mit Menschen ab 50 Jahren zeigt: THC-haltige Mittel führten häufiger zu Mundtrockenheit, Schwindel, Benommenheit, Problemen mit Gleichgewicht und Koordination sowie zu Störungen von Denken und Wahrnehmung. Je höher die THC-Dosis, desto häufiger traten diese Beschwerden auf. Schwere Nebenwirkungen waren insgesamt nicht häufiger als unter Placebo.[4]

Nach einem Schlaganfall spielt das Herz-Kreislauf-System eine besondere Rolle. Eine Metaanalyse im Fachjournal Heart fasste 24 Beobachtungsstudien zusammen. Fast alle erfassten Cannabiskonsum in der Bevölkerung, also überwiegend Freizeitkonsum. Dort war Cannabiskonsum mit einem um etwa 20 Prozent höheren Schlaganfallrisiko verbunden.[3] Solche Daten zeigen einen Zusammenhang, aber keinen Beweis. Ob sie für eine ärztlich begleitete Therapie gelten, ist offen.

Ein Übersichtsartikel im Fachjournal JAMA (2026) beschreibt Ähnliches. In Beobachtungsdaten hatten Menschen, die täglich Cannabis inhalierten, häufiger einen Schlaganfall als Menschen, die seltener konsumierten (2,6 gegenüber 1,0 Prozent). Leitlinien empfehlen inhaliertes Cannabis für medizinische Zwecke nicht. Die Autoren raten außerdem, Cannabis nicht mit Alkohol oder Beruhigungsmitteln zu kombinieren und unter seinem Einfluss nicht Auto zu fahren.[9]

Auch CBD hat Nebenwirkungen. Laut der europäischen Fachinformation eines zugelassenen CBD-Arzneimittels kann der Wirkstoff müde machen, vor allem zu Beginn. Alkohol und andere dämpfende Mittel verstärken das. CBD bremst außerdem Leberenzyme, über die andere Medikamente abgebaut werden, und kann so deren Spiegel im Blut verändern. Bei älteren Menschen soll die Behandlung vorsichtig und mit einer niedrigen Dosis beginnen.[10]

Ältere Frau sitzt am Fenster bei einer Tasse Tee.

Für wen kann eine Behandlung in Frage kommen?

Für Spastik oder Schmerzen nach einem Schlaganfall ist das THC/CBD-Mundspray nicht zugelassen.[1] Eine Behandlung mit Cannabis wäre hier ein Therapieversuch außerhalb einer Zulassung für dieses Anwendungsgebiet. Am ehesten wird sie bei einer belastenden Spastik oder bei Schmerzen erwogen, wenn Physiotherapie und übliche Medikamente nicht ausreichen oder nicht vertragen werden. Die Entscheidung trifft die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt nach sorgfältiger Abwägung, oft gemeinsam mit der Neurologie.

Bei manchen Vorerkrankungen ist Zurückhaltung geboten. Die JAMA-Übersicht nennt eine Schizophrenie und eine koronare Herzkrankheit, also verengte Herzkranzgefäße, als Beispiele, bei denen die Risiken den Nutzen wahrscheinlich überwiegen.[9] Ärztinnen und Ärzte beginnen bei Älteren meist mit einer sehr niedrigen Dosis und steigern langsam.[10][9] Sinnvoll ist ein klares Ziel: Was soll besser werden, und woran lässt sich das nach einigen Wochen erkennen?

Rezept und Kosten (Stand November 2026)

Medizinisches Cannabis ist verschreibungspflichtig. Seit dem 30. Juli 2026 bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen keine Cannabisblüten mehr. Bei einer schwerwiegenden Erkrankung können sie weiterhin Extrakte in standardisierter Qualität und Arzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol oder Nabilon übernehmen.[11]

Voraussetzung ist, dass eine übliche Behandlung nicht zur Verfügung steht oder im Einzelfall nicht in Frage kommt und eine spürbare Besserung zumindest möglich erscheint. Zuerst ist ein sechsmonatiger Therapieversuch mit einem zugelassenen cannabishaltigen Fertigarzneimittel vorgesehen. Vor der ersten Verordnung muss die Krankenkasse in der Regel zustimmen. Sie entscheidet innerhalb von zwei Wochen, mit Gutachten innerhalb von vier Wochen.[11]

Cannabisblüten können weiterhin auf Privatrezept verordnet werden. Die Kosten tragen Sie dann selbst.

Häufige Fragen

Hilft Cannabis gegen Spastik nach einem Schlaganfall?

Das ist bisher nicht belegt. Die wichtigste kontrollierte Studie fand keinen Unterschied zu einem Scheinmedikament.[1] Bei Multipler Sklerose sind die Ergebnisse günstiger, sie lassen sich aber nicht einfach auf Schlaganfallfolgen übertragen.[2]

Erhöht Cannabis das Risiko für einen weiteren Schlaganfall?

In Beobachtungsstudien war Cannabiskonsum mit einem höheren Schlaganfallrisiko verbunden, besonders täglicher inhalierter Konsum.[3][9] Diese Daten stammen überwiegend aus dem Freizeitkonsum. Ob das Risiko auch bei ärztlich begleiteter Therapie besteht, ist nicht geklärt.

Darf ich mit Cannabis-Medikamenten Auto fahren?

Cannabis kann Aufmerksamkeit und Reaktion beeinträchtigen. Fachleute raten, unter seinem Einfluss nicht Auto zu fahren und keine Maschinen zu bedienen.[9] Klären Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, was in Ihrem Fall gilt.

Verträgt sich Cannabis mit meinen anderen Medikamenten?

Das muss im Einzelfall geprüft werden. CBD kann den Abbau anderer Medikamente in der Leber verändern, und zusammen mit Alkohol oder Beruhigungsmitteln macht es müder.[10] Bringen Sie deshalb eine vollständige Liste aller Medikamente zum Arzttermin mit.

Zahlt die Krankenkasse Cannabis nach einem Schlaganfall?

Blüten bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen seit dem 30. Juli 2026 nicht mehr. Extrakte und Arzneimittel mit Dronabinol oder Nabilon können sie bei einer schwerwiegenden Erkrankung übernehmen, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind und die Kasse vorher zustimmt.[11]

Sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt, wenn Spastik oder Schmerzen nach einem Schlaganfall Ihren Alltag stark einschränken. Gemeinsam mit der Neurologie lässt sich klären, welche Behandlungen schon ausgeschöpft sind, welche Medikamente Sie bereits nehmen und ob ein Therapieversuch mit einem Cannabis-Arzneimittel in Ihrer Lage überhaupt in Frage kommt.

Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ob eine Behandlung mit Cannabis für Sie in Frage kommt, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt nach einer persönlichen Untersuchung.

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Quellen

  1. Marinelli L, Puce L, Mori L, et al. Cannabinoid Effect and Safety in Spasticity Following Stroke: A Double-Blind Randomized Placebo-Controlled Study. Front Neurol. 2022;13:892165. doi:10.3389/fneur.2022.892165 · PubMed 35812088 (geprüft am 2. November 2026)
  2. Filippini G, Minozzi S, Borrelli F, Cinquini M, Dwan K. Cannabis and cannabinoids for symptomatic treatment for people with multiple sclerosis. Cochrane Database Syst Rev. 2022;5(5):CD013444. doi:10.1002/14651858.CD013444.pub2 · PubMed 35510826 (geprüft am 2. November 2026)
  3. Storck W, Elbaz M, Vindis C, Déguilhem A, Lapeyre-Mestre M, Jouanjus E. Cardiovascular risk associated with the use of cannabis and cannabinoids: a systematic review and meta-analysis. Heart. 2025;111(22):1047-1056. doi:10.1136/heartjnl-2024-325429 · PubMed 40527600 (geprüft am 2. November 2026)
  4. Velayudhan L, Pisani S, Dugonjic M, McGoohan K, Bhattacharyya S. Adverse events caused by cannabinoids in middle aged and older adults for all indications: a meta-analysis of incidence rate difference. Age Ageing. 2024;53(11):afae261. doi:10.1093/ageing/afae261 · PubMed 39602500 (geprüft am 2. November 2026)
  5. GBD 2021 Stroke Risk Factor Collaborators. Global, regional, and national burden of stroke and its risk factors, 1990-2021: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2021. Lancet Neurol. 2024;23(10):973-1003. doi:10.1016/S1474-4422(24)00369-7 · PubMed 39304265 (geprüft am 2. November 2026)
  6. Wissel J, Manack A, Brainin M. Toward an epidemiology of poststroke spasticity. Neurology. 2013;80(3 Suppl 2):S13-S19. doi:10.1212/WNL.0b013e3182762448 · PubMed 23319481 (geprüft am 2. November 2026)
  7. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Abschlussbericht der Begleiterhebung nach § 31 Absatz 6 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch zur Verschreibung und Anwendung von Cannabisarzneimitteln. Bonn, 06.07.2022. bfarm.de (PDF) (geprüft am 2. November 2026)
  8. Ateş G, Welsch P, Klose P, Phillips T, Lambers B, Häuser W, Radbruch L. Cannabis-based medicines for chronic neuropathic pain in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2026;1(1):CD012182. doi:10.1002/14651858.CD012182.pub3 · PubMed 41548880 (geprüft am 2. November 2026)
  9. Hsu M, Shah A, Jordan A, Gold MS, Hill KP. Therapeutic Use of Cannabis and Cannabinoids: A Review. JAMA. 2026;335(4):345-359. doi:10.1001/jama.2025.19433 · PubMed 41296368 (geprüft am 2. November 2026)
  10. Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA). Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels (Fachinformation) für das zugelassene Cannabidiol-Arzneimittel zur Behandlung bestimmter Epilepsien, Abschnitte 4.2, 4.4 und 4.5. ema.europa.eu (PDF) (geprüft am 2. November 2026)
  11. Gesetz zur Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz), Artikel 1 Nr. 12 c (§ 31 Abs. 6 SGB V). BGBl. 2026 I Nr. 228 vom 29.07.2026. https://www.recht.bund.de/bgbl/1/2026/228/VO.html (geprüft am 2. November 2026)