Nebenwirkungen von medizinischem Cannabis im Alter: Was Studien zeigen

2.11.2026
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Ärztin geht mit einem älteren Patienten seine Medikamentenliste durch

Stand: November 2026. Quellen geprüft am 2. November 2026.

Viele ältere Menschen fragen sich, ob medizinisches Cannabis verträglicher ist als ihre bisherigen Medikamente. Eine einfache Antwort gibt die Forschung darauf nicht. Hier lesen Sie, welche Nebenwirkungen in Studien häufig sind, warum im Alter besonders auf Stürze und Wechselwirkungen zu achten ist und bei welchen Warnzeichen Sie ärztlichen Rat brauchen. Was bei Rezept und Kosten gilt, steht im Beitrag Medizinisches Cannabis auf Rezept.

Das Wichtigste in Kürze

  • Dass medizinisches Cannabis im Alter besser verträglich ist als übliche Medikamente, ist nicht belegt. Fachleute bewerten die Studienlage für ältere Menschen als dürftig; fast alle Studienteilnehmenden waren jünger als 60 Jahre.[4]
  • In Studien mit Menschen ab 50 Jahren traten unter THC-haltigen Mitteln häufiger Nebenwirkungen auf als unter einem Scheinmedikament, vor allem Mundtrockenheit, Schwindel und Schläfrigkeit. Schwere Nebenwirkungen waren nicht häufiger.[1][2]
  • Weil viele Nebenwirkungen Wachheit und Gleichgewicht betreffen, kann im Alter die Sturzgefahr steigen.[3]
  • Vor allem CBD kann den Abbau anderer Medikamente in der Leber bremsen. Bei Blutverdünnern und einigen weiteren Mitteln ist deshalb Vorsicht nötig.[7][8]

Welche Nebenwirkungen treten häufig auf?

Die beste Übersicht für ältere Menschen stammt aus zwei Auswertungen von Forschenden am King’s College London. Sie fassten randomisierte Studien zusammen, also Studien, in denen der Zufall entscheidet, wer das Mittel und wer ein Scheinmedikament bekommt. 2021 waren es 46 Studien mit gut 6.200 Teilnehmenden, im Mittel knapp 59 Jahre alt. Unter THC-haltigen Mitteln kam es häufiger zu Mundtrockenheit, Schwindel und Schläfrigkeit. CBD allein erhöhte die Zahl der Nebenwirkungen nicht.[1]

Die Auswertung von 2024 umfasste 58 Studien und bestätigte dieses Bild. Probleme mit Beweglichkeit, Gleichgewicht und Koordination sowie mit Denken und Wahrnehmung nahmen mit der THC-Dosis zu. Schwere Nebenwirkungen und Todesfälle waren unter Cannabis nicht häufiger als in den Vergleichsgruppen. Zwei der Autoren haben Verbindungen zu Herstellern von Cannabisprodukten offengelegt.[2]

Aus dem Behandlungsalltag in Deutschland berichtet die Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Ärztinnen und Ärzte meldeten dort von 2017 bis 2022 rund 16.800 vollständige Behandlungsfälle. Am häufigsten genannt wurden Müdigkeit (14,9 Prozent), Schwindel (9,8 Prozent), Schläfrigkeit (6,0 Prozent) sowie Übelkeit und Mundtrockenheit (je 4,9 Prozent). Etwa ein Drittel der Behandlungen endete vor Ablauf eines Jahres, in rund einem Viertel dieser Fälle wegen Nebenwirkungen.[3]

Warum ist die Sturzgefahr im Alter ein Thema?

Viele Nebenwirkungen von Cannabis betreffen Wachheit und Aufmerksamkeit. Das BfArM schreibt, dass dies insbesondere bei älteren Patientinnen und Patienten zu einer erhöhten Sturzgefahr führen kann.[3] Dazu passt, dass Gleichgewichts- und Koordinationsprobleme in Studien mit der THC-Dosis zunahmen.[2] Eine Übersichtsarbeit zu älteren Menschen nennt mögliche Folgen für Gang und Standsicherheit, für das Denken sowie für Herz und Kreislauf als besondere Sorgen in dieser Altersgruppe.[4] Wer schon einmal gestürzt ist oder unsicher geht, sollte das vor Beginn einer Behandlung ansprechen.

Gibt es auch ernste Nebenwirkungen?

Ja, sie sind selten, aber wichtig zu kennen. Die Begleiterhebung nennt als gelegentlich auftretende, besonders bedrohliche Nebenwirkungen Herzklopfen und Herzrasen, Wahnvorstellungen, Sinnestäuschungen, das Gefühl, neben sich zu stehen, und Suizidgedanken. Bei Frauen traten Nebenwirkungen insgesamt häufiger auf als bei Männern.[3] Wegen möglicher Wirkungen auf Herz und Kreislauf ist bei Herzerkrankungen besondere Vorsicht nötig.[4] Bei Behandlungen mit Cannabisblüten mahnt das BfArM außerdem, die Gefahr von Missbrauch und Abhängigkeit im Blick zu behalten.[3]

Welche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten gibt es?

Cannabis-Wirkstoffe werden in der Leber über bestimmte Enzyme abgebaut, die sogenannten CYP-Enzyme. Über dieselben Enzyme werden auch viele andere Arzneimittel abgebaut. Vor allem CBD kann die Enzyme CYP3A4 und CYP2C19 hemmen. Andere Medikamente bleiben dann womöglich länger und in höherer Menge im Blut. In den Unterlagen zugelassener CBD-Arzneimittel hatte fast die Hälfte der Behandelten Nebenwirkungen, darunter erhöhte Leberwerte und Müdigkeit.[7]

Besonders bei Blutverdünnern ist Vorsicht geboten. Eine systematische Übersicht stufte die Kombination von Cannabis mit dem Blutverdünner Warfarin als einzige Wechselwirkung in die höchste Risikostufe ein. Grundlage waren vier Fallberichte, in denen der Gerinnungswert INR stark anstieg und Blutungen auftraten.[8] In einer kanadischen Studie mit älteren Menschen war das Blutungsrisiko unter Cannabis und Warfarin dagegen nicht eindeutig erhöht.[9] Gut untersucht ist die Frage also nicht.

Auch bei Beruhigungs- und starken Schmerzmitteln kann es Wechselwirkungen geben. Beim Beruhigungs- und Antiepilepsiemittel Clobazam stieg der Blutspiegel unter CBD in Studien um 20 bis 60 Prozent. In einem Fallbericht stieg der Spiegel des Opioids Methadon nach CBD-Öl um 117 Prozent, mit Schläfrigkeit und Erschöpfung.[8] Die kanadische Studie fand bei Medikamenten mit enger therapeutischer Breite, bei denen schon kleine Änderungen des Blutspiegels Probleme machen, ein etwa 2,6-fach höheres Risiko für Vergiftungen durch Arzneimittel.[9]

Bringen Sie deshalb zu jedem Arzttermin eine aktuelle Liste aller Medikamente mit. Dazu gehören auch frei verkäufliche Mittel, Nahrungsergänzungen und CBD-Produkte, die Sie selbst gekauft haben.

Ist Cannabis verträglicher als Opioide oder andere Schmerzmittel?

Das lässt sich nach heutigem Wissen nicht sagen. Fachleute bewerten die Belege für einen Nutzen bei älteren Menschen insgesamt als dürftig, das Risiko bekannter und möglicher Nebenwirkungen als beträchtlich.[4] Eine große Auswertung von 32 Studien bei chronischen Schmerzen fand, dass Cannabis zum Einnehmen die Schmerzen nur wenig stärker verringerte als ein Scheinmedikament. Gleichzeitig traten häufiger Schwindel, Schläfrigkeit, Übelkeit und vorübergehende Konzentrationsprobleme auf.[5] Mehr zur Studienlage lesen Sie auf der Seite Chronische Schmerzen.

Oft wird gehofft, mit Cannabis Opioide einsparen zu können. Eine Auswertung von 2021 fand dafür nur Belege von sehr geringer Sicherheit. In den fünf randomisierten Studien, alle bei Krebsschmerzen, verringerte zusätzliches Cannabis die Schmerzen kaum. Dafür traten häufiger Übelkeit und Erbrechen auf. Nur Beobachtungsstudien ohne Zufallszuteilung deuteten auf eine Einsparung von Opioiden hin.[6]

Bei welchen Warnzeichen sollten Sie ärztlichen Rat suchen?

Melden Sie sich zeitnah in Ihrer Praxis, wenn Ihnen während der Behandlung eines der folgenden Zeichen auffällt. Bei plötzlichen, schweren Beschwerden rufen Sie den Notruf 112.

  • Sie fühlen sich unsicher auf den Beinen, sind gestürzt oder beinahe gestürzt.[3]
  • Sie sind tagsüber ungewöhnlich müde, benommen oder verwirrt.[3]
  • Sie spüren Herzklopfen oder Herzrasen.[3]
  • Sie sehen oder hören Dinge, die nicht da sind, oder haben ungewohnt düstere Gedanken.[3]
  • Sie nehmen einen Blutverdünner und bemerken ungewöhnliche blaue Flecken, Nasenbluten oder Blut im Urin oder Stuhl.[8]

Häufige Fragen

Gehen die Nebenwirkungen mit der Zeit zurück?

Darauf können Sie sich nicht verlassen. In einer Auswertung von Schmerzstudien trat Schwindel in Studien ab drei Monaten Dauer bei 28 von 100 Behandelten zusätzlich auf, in kürzeren Studien bei 9 von 100.[5] Sprechen Sie anhaltende Beschwerden deshalb in Ihrer Praxis an.

Hängen die Nebenwirkungen von der Dosis ab?

Bei THC ja. Mundtrockenheit, Schwindel, Schläfrigkeit und Gleichgewichtsprobleme nahmen in Studien mit Menschen ab 50 Jahren mit der THC-Dosis zu.[2] Ändern Sie die Dosis deshalb nicht selbst, sondern besprechen Sie jede Anpassung mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Ist CBD besser verträglich als THC?

In Studien mit Menschen ab 50 Jahren erhöhte CBD allein die Zahl der Nebenwirkungen nicht.[1] CBD kann aber den Abbau anderer Medikamente in der Leber bremsen und Leberwerte erhöhen.[7] Wenn Sie weitere Medikamente nehmen, gehört auch CBD in ärztliche Begleitung.

Kann medizinisches Cannabis abhängig machen?

Das BfArM weist darauf hin, dass sich Gewöhnung und Abhängigkeit entwickeln können. Ärztinnen und Ärzte sollen das im Verlauf der Behandlung prüfen. Bei hohen THC-Dosen aus Blüten mahnt das BfArM zu besonderer Vorsicht.[3]

Darf ich mit medizinischem Cannabis Auto fahren?

Das BfArM rät davon ab, zu Beginn der Behandlung und während die passende Dosis noch gesucht wird, selbst Auto zu fahren.[10] Klären Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, ob und wann das wieder möglich ist.

Soll ich meine anderen Medikamente dann absetzen?

Nein, nicht auf eigene Faust. Ob ein Mittel verringert oder ersetzt werden kann, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt. Dass sich mit Cannabis Opioide einsparen lassen, ist bisher nur sehr unsicher belegt.[6]

Sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt, bevor Sie eine Behandlung mit Cannabis beginnen oder etwas an Ihren Medikamenten ändern. Gemeinsam lässt sich abwägen, ob der mögliche Nutzen die Risiken in Ihrer Situation rechtfertigt.

Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ob eine Behandlung mit Cannabis für Sie in Frage kommt, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt nach einer persönlichen Untersuchung.

Quellen

  1. Velayudhan L, McGoohan K, Bhattacharyya S. Safety and tolerability of natural and synthetic cannabinoids in adults aged over 50 years: A systematic review and meta-analysis. PLoS Med. 2021;18(3):e1003524. doi:10.1371/journal.pmed.1003524 · PMID 33780450. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33780450/ (geprüft am 2. November 2026)
  2. Velayudhan L, Pisani S, Dugonjic M, McGoohan K, Bhattacharyya S. Adverse events caused by cannabinoids in middle aged and older adults for all indications: a meta-analysis of incidence rate difference. Age Ageing. 2024;53(11):afae261. doi:10.1093/ageing/afae261 · PMID 39602500. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39602500/ (geprüft am 2. November 2026)
  3. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Abschlussbericht der Begleiterhebung nach § 31 Absatz 6 SGB V zur Verschreibung und Anwendung von Cannabisarzneimitteln. 06.07.2022. https://www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/Bundesopiumstelle/Cannabis/Abschlussbericht_Begleiterhebung.pdf?__blob=publicationFile (geprüft am 2. November 2026)
  4. Minerbi A, Häuser W, Fitzcharles MA. Medical Cannabis for Older Patients. Drugs Aging. 2019;36(1):39-51. doi:10.1007/s40266-018-0616-5 · PMID 30488174. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30488174/ (geprüft am 2. November 2026)
  5. Wang L, Hong PJ, May C, et al. Medical cannabis or cannabinoids for chronic non-cancer and cancer related pain: a systematic review and meta-analysis of randomised clinical trials. BMJ. 2021;374:n1034. doi:10.1136/bmj.n1034 · PMID 34497047. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34497047/ (geprüft am 2. November 2026)
  6. Noori A, Miroshnychenko A, Shergill Y, et al. Opioid-sparing effects of medical cannabis or cannabinoids for chronic pain: a systematic review and meta-analysis of randomised and observational studies. BMJ Open. 2021;11(7):e047717. doi:10.1136/bmjopen-2020-047717 · PMID 34321302. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34321302/ (geprüft am 2. November 2026)
  7. Brown JD, Winterstein AG. Potential Adverse Drug Events and Drug-Drug Interactions with Medical and Consumer Cannabidiol (CBD) Use. J Clin Med. 2019;8(7):989. doi:10.3390/jcm8070989 · PMID 31288397. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31288397/ (geprüft am 2. November 2026)
  8. Lopera V, Rodríguez A, Amariles P. Clinical Relevance of Drug Interactions with Cannabis: A Systematic Review. J Clin Med. 2022;11(5):1154. doi:10.3390/jcm11051154 · PMID 35268245. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35268245/ (geprüft am 2. November 2026)
  9. Bérété ZC, Sebgo AA, Eurich DT, Dubois C, Dyck JR, Hanlon JG, Zongo A. Concomitant use of medical cannabis and drugs associated with risks of interaction in older patients: a longitudinal cohort study. Age Ageing. 2025;54(12):afaf359. doi:10.1093/ageing/afaf359 · PMID 41396801. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41396801/ (geprüft am 2. November 2026)
  10. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Medizinisches Cannabis: Hinweise für Patientinnen und Patienten. https://www.bfarm.de/DE/Bundesopiumstelle/Medizinisches-Cannabis/Hinweise-fuer-Patienten/_node.html (geprüft am 2. November 2026)

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